Freitag, 27. Juni 2025
Hanbury-Gärten – Teil 1
Die Hanbury-Gärten (Giardini Botanici Hanbury) gehören zu den bedeutendsten botanischen Gärten Europas. Sie wurden 1867 von Sir Thomas Hanbury, einem englischen Kaufmann, gegründet. Durch Handel mit Gewürzen, Tee und Seide aus China scheffelte er ordentlich Geld. So konnte er es sich auch locker leisten, öfter an der Riviera zu sein.
Von der mediterranen Vegetation und der landschaftlichen Schönheit der Region fasziniert, kaufte er schließlich den Palazzo Orengo und ließ drumherum – inspiriert von botanisch interessierten Freunden (u. a. Alphonse de Candolle) –die Gärten anlegen. In ihnen sollten alle Pflanzen wachsen, die auf der Welt so vorkommen. So viel zur Geschichte.
Die Hanbury-Gärten liegen vier Kilometer westlich des Stadtzentrums von Ventimiglia auf der Halbinsel Capo Mortola. Nach allerlei Wechseln wurden die Gärten 1960 vom italienischen Staat übernommen und werden heute vom botanischen Institut der Universität Genua betreut.
Ankunft
Als wir um drei bei den Hanbury-Gärten in Ventimiglia ankommen, hat es 32 °C. „Katzabärle“ sagt an, dass er inzwischen 70.565 Kilometer auf dem Buckel hat. Leider gibt es bei den Hanbury-Gärten keine zu den Gärten gehörenden Parkplätze, aber wir haben Glück, dass wir an der alten SS 1, direkt vorm Eingang einen Stellplatz bekommen. Kein Wunder, bei der Hitze ist ja auch kein normaler Mensch freiwillig unterwegs.
- Nur wenige Meter bis zum Eingang
- Am Eingang zu den Gärten
Der Eintritt für Senioren ab 65 kostet 8 €. Susanne lädt mich ein. Gratis gibt es einen botanischen Wegführer dazu.
Den roten Pfeilen nach – Stufe um Stufe runter zum Meer
Gleich nach dem Haupttor geht’s erst mal etliche Treppen runter. Runter? Verglichen mit der Treppen-Expedition gestern Abend in Cervo ein Kinderspiel, sollte man denken, aber bei dieser Hitze wird jede noch so kleine Bewegung zur Anstrengung. Die Glieder sind zäh, der Schweiß läuft in Strömen und die T-Shirts kleben auf der Haut wie nasse Lappen. Genau aus diesem Grund machen wir auf der Terrazza Nord erst mal Stopp.
Von hier oben hat man eine Wahnsinns-Aussicht aufs Meer. Von diesem Platz aus führt der Weg dann in verschiedene Richtungen. Wir nehmen den Weg entlang der roten Pfeile. Die Gärten sind nämlich so angelegt, dass man – den roten Pfeilen folgend – die 100 Höhenmeter bis zum Strand einen steileren Weg über Treppen hinuntergeht und auf dem Rückweg – den blauen Pfeilen folgend – den etwas längeren, dafür aber flacheren Serpentinenweg nimmt. An diesem Freitagnachmittag haben wir die Gärten praktisch für uns allein.
Um uns herum – eine Explosion botanischer Vielfalt: Kaktuswälder, Lavendelbüsche, wuchernde Aloen, Palmen, Agaven, alles eingerahmt von alten Mauern und Pergolen, die wohl mehr Pflanzenarten gesehen haben, als wir je sehen werden: Violette Drillingsblumen, Mittelmeerzypressen, Bananen, Farne, alles wild durcheinander. Aber vielleicht ist dieser Bereich ja extra als Wildgarten angelegt?
- Mitten in der Botanik
- Zitronenpelargonie
„Pelargonium crispum“ steht auf dem Schild. In Deutschland kennt man sie wohl als Zitronenpelargonie, weil deren Blätter, wenn man sie zerreibt, intensiv nach Zitrone duften. Ursprünglich kommt die Pflanze aus Südafrika, aber wer soll sich das alles merken? Sie soll auch ein natürlicher Insektenschutz sein – besonders gegen Mücken. Warum hat Giampaolo dann nicht solche Blumen im Eco del Mare? Wäre mal ein Tipp.
Die Agave attenuata wird auch Drachenbaum-Agave genannt, ein Name, der botanisch gesehen Unsinn ist. Aber weil die aus Mexiko stammende Pflanze im Wuchs tatsächlich etwas drachenbaumartig erscheint, lässt man es eben dabei. Im Gegensatz zu anderen Agaven hat diese Art aber keine harten, stechenden Blattränder, weshalb sie auch „Weiche Agave“ genannt wird.
- Drachenbaum-Agave
- Rosetten-Dickblatt
Dann entdecken wir eine äußerst ungewöhnliche Pflanze, an deren Stängeln oben etwas wächst, das wie „schwarze Blüten“ aussieht. So eine Art Gothic-Pflanze also.
- Hundertjährige Agave
- Wieder hundertjährige Agaven
Weiter geht es an „Hundertjährigen Agaven“ vorbei. Früher glaubte man tatsächlich, dass es – weil deren Blüte ungewöhnlich lange auf sich warten lässt, 100 Jahre dauert, bis sie blüht. Tatsächlich sind es aber – je nach Art, Standort und Klima – nur 10 bis 30 Jahre, bei manchen Arten auch mal 40 bis 50 Jahre – aber niemals 100. Nach der Blüte stirbt die Mutterpflanze ab – aber sie bildet meist Ausläufer oder Kindel (nicht Kinder!), die weiterwachsen.
Ich fotografiere und fotografiere und fotografiere: Lebensbäume, Echte Aloen, die man an ihren fleischigen, grün bis grau-grünen Blättern mit gezähntem Rand erkennt und Mexikanische Wüstenlilien, die wie starre Grasbälle vom Boden aus wachsen oder auf einem kurzen Stamm sitzen. Denen macht die Hitze – im Gegensatz zu uns – nichts aus.
- Ich fotografiere und fotografiere …
- Exotische Pflanzen – so weit das Auge reicht
Weiter kommen Fasskakteen aus den Wüsten Nordamerikas, Doryanthes, Blütenpflanzen, die besonders durch ihre riesigen Blütenstände und ihr ausladendes, schwertförmiges Laub auffallen und Säulenkakteen aus Mexiko auf den Chip.
- Fasskaktus
- Riesen-Speerblume (li.) Wollsäulenkaktus (re.)
Doch, wer soll sich die ganzen Bilder jemals ansehen?
Auf etwa einem Drittel des Weges nach unten, kommen wir am Drachenbrunnen vorbei. Der von Papyrus umrahmte Brunnen wirkt wie ein kleiner asiatischer Zen-Garten mitten in Ligurien, bei dem ein bronzener Japanischer Drache scheinbar aus einem Lotusblatt trinkt.
- La Schiava
- Furchteinflößender Drache
Oberhalb des Brunnens – am Eingang zu einer kleinen Höhle – befindet sich die aus der Schule des italienischen Bildhauer Antonio Canova (1757-1822) stammende Marmorskulptur La Schiava (die Sklavin). Drache und Mädchen wurden wahrscheinlich ganz bewusst nebeneinander platziert, um so einen visuellen und geistigen Kontrast zu erzeugen.
- Der Drache wirkt lebendig, aktiv, fast bedrohlich – ein Wesen der Macht.
- Das Mädchen hingegen zeigt einen in sich gekehrten, verletzlichen Menschenkörper, in einer Position der Unterwerfung oder inneren Einkehr.
Derartige Symbolik war in Gärten des 19. Jahrhunderts, besonders in der Romantik und im viktorianischen Zeitalter ein zentrales Gestaltungsprinzip, durfte demzufolge natürlich auch hier nicht fehlen. Im Brunnenbecken schwimmen einige Gelbbauch-Schmuckschildkröten und auf einem Stein sonnt sich ein Jungtier.
- Junge Gelbbauch-Schmuckschildkröte
- Gelbbauch-Schmuckschildkröte
Wow, gibt’s das? Bei 36 °C im Schatten, wenn Einheimische sich an einen kühlen Ort zurückzuziehen und eine Siesta machen, sind in den Hanbury-Gärten – außer uns – noch drei andere Besucher unterwegs. Das können nur Deutsche sein, die – wie wir auch – das „Carpe diem“ (nutze den Tag) wohl eher falsch interpretieren und im Urlaub möglichst viel sehen wollen.
Sich selbst den Spiegel vorhaltend, selbstironisch, augenzwinkernd und nicht ohne ein leicht spöttisches Lächeln meint Susanne: „Wenn man bei dieser Hitze Leute rumlaufen sieht, dann müssen es Deutsche! sein“. Obwohl die Frau in der frisch gestärkten Bluse gar nicht direkt angesprochen wurde, bellt sie zurück: „Das muss kein Makel sein!“. Oh, oh, oh. Die Hitze hat wohl das letzte bisschen Humor zusammenschmelzen lassen.
Wir bleiben noch ein Weilchen beim japanischen Drachen stehen – der ist harmloser als die Giftspritze – und gehen erst weiter, als die drei unten bei der Antiken Römerstraße verschwunden sind.
Die Römische Via Julia Augusta
Jetzt haben wir auch die Alte Römerstraße überquert und gehen durch Schatten spende Pergolen weiter hinunter.
- Schatten spendende Pergola
- Da Xanh pomelo
Unterwegs sehen wir irgendeinen Zitrusfrucht-Baum. Google Lens sagt, das sein eine „Da Xanh pomelo“, eine besondere Pomelo‑Sorte aus dem Süden Vietnams. Wenn man dann – ich hab von Pomelos noch nie was gehört – weiter gegoogelt, ist es aber letztendlich doch nur eine „Zitrone“. Hab ich doch gleich gesagt.
Pflanzen fotografieren ist ja ganz nett. Das schafft jeder motorisch halbwegs stabile Mensch. Was sich mir jetzt bietet, ist ganz was anderes: ein Zitronenfalter auf einer violetten Blüte – das ist einfach irre. Das satte Violett der Blüte bringt das leuchtende Gelb vom Schmetterling erst richtig zum Strahlen. Dazu die zarte Leichtigkeit des Flattertiers mit seinen filigranen Flügeln – das macht einfach gute Laune. So ein Motiv zu erwischen, fühlt sich an wie ein kleiner Sieg im Fotoduell mit der Natur. Einfach top, Punkt.
Aber warum hockt sich der Zitronenfalter nicht einfach hin und lässt mich machen? Das hypernervöse Tier kann sich einfach nicht entscheiden, ob es nun rechts, links, oben oder sonst wo aus dem verdammten Bildfeld raus will. Der Single-Point-Autofokus der Canon 600D kommt da einfach nicht mehr mit. Wenn der nicht will, schalte ich ihn einfach aus und stelle manuell scharf. Ich schwenk, fokussiere neu, schieße – unscharf. Noch mal und immer wieder. Diesmal auf dem Display zu sehen: ein leerer Zweig.
Der Schmetterling ist längst beim Nachbarstrauch. Ich fluch still in mich hinein – nicht, dass wieder jemand denkt, ich rede mit dem Lavendel. Kurzzeitig frage ich mich, ob ich vielleicht Sekundenkleber auf die Blüte streichen soll. Aber nein, das gehört sich nicht. Nach etlichen Versuchen habe ich dann aber doch brauchbare Bilder im Kasten.
- Zitronenfalter auf einem Geißblatt
- Zitronenfalter
Jetzt sind wir dann bald unten: Eine ostasiatische Eiche noch und eine Bromelie aus Südamerika, dann haben wir die erste Etappe unserer botanischen Weltreise hinter uns: Luftlinie 500 Meter weit, Höhendifferenz 100 Meter. Verhältnisse fast wie in Cervo, wo es auf 300 Meter Luftlinie 70 Meter runter ging.
- Japanische Steineiche
- Lanzenrosette
Nachdem wir den roten Weg mit seinen antiken Stufen bis ganz nach unten gegangen sind, liegt nun das Mittelmeer vor uns – still und glitzernd. Das schmiedeeiserne Tor ist zum Glück offen. Und außer uns ist niemand da, der uns in dieser fast schon meditativen Situation stört. Das ist Urlaub!
- Weg zum Meer
- Blick aufs Meer
Jetzt aber: Auch wenn der Weg die ganze Zeit nur runter ging und wir uns wirklich Zeit ließen – Schildchen lesen hier, Foto schießen da, und wir eine Gangart drauf hatten wie „Senioren auf Kaffeefahrt“ – die Hitze macht uns trotzdem fertig. 36 °C im Schatten, und Schatten gibt’s im ganzen 18 ha großen Garten (180.000 m²) wenn’s hochkommt, quadratmetermäßig vielleicht zwei. So zumindest mein Gefühl. Ich spüre, wie mein Kreislauf rebelliert. Mein Körper schreit jetzt nicht nach Wasser – der will Zucker, Kohlensäure und Koffein. In genau dieser Reihenfolge. Wasser ist ja nett, aber wenn du völlig durchgeschwitzt bist, hilft nur noch Cola, den Energieverlust auszugleichen.
Ganz unten in den Hanbury-Gärten – rechts neben dem Tor zum Meer – gibt es einen „Erfrischungspunkt“. Laut Prospekt bietet er verschiedene Sandwiches, Wraps, Toast, gefüllte Brötchen, heiße und kalte Getränke, Eis und Desserts. Doch von einer Verpflegungsstation in einem derart renommierten botanischen Garten hatte ich mir ehrlich gesagt mehr erhofft – vielleicht ein Stück Focaccia oder eine Pizza-Schnitte. Leider Fehlanzeige. Es gibt schlichtweg nichts dergleichen. Vielleicht, weil hier und heute gar nichts los ist. Denn außer den drei „Ebenfalls-Deutschen“ haben wir im ganzen Garten keinen anderen Menschen mehr gesehen – doch, zwei Arbeiter noch, die neben der Snackbar Zementsäcke von einem Mini-Raupenbagger abladen.
Der „Imbiss“ jedenfalls wird dem wunderschönen Garten in keinster Weise gerecht. Aber was habe ich erwartet? Im Botanischen Garten in Augsburg zum Beispiel bekommt man im Park Wurstsalat, O‘Batzder, Tellersülze und – für die Süßen – eine recht vielfältige Auswahl an Kuchen. Dagegen wirkt das Snackangebot in den Hanbury-Gärten wie kulinarisches Entwicklungsland.
Wir schnappen uns unsere Getränke, gehen rüber zum Picknickplatz und setzen uns dort in den – ja, den gibt es an dieser Stelle wirklich – Schatten.
- Picknickplatz in den Hanbury-Gärten
- Außer uns ist niemand da.
Kennst Du das? Das „Zisch“ beim Öffnen der Cola-Flasche? Und dann der erste eiskalte Schluck. Er fühlt sich an wie eine Wiedergeburt. Und – seien wir mal ganz ehrlich – der Körper weiß, was er braucht. Das ist jetzt keine Werbung für eine amerikanische Limonade, das ist Notfallmedizin.
Während der Pause scrolle meine Bilder durch und lösche die unbrauchbaren, 50 Stück bleiben – in etwas mehr als einer Stunde.
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